Schuld und Buße

Schuld und Buße

8 juli 2026
Geschreven door Tim van der Griend

Sünde, Verfehlung, Schuld – es sind Begriffe, die im positiv angehauchten Menschenbild des religiösen Liberalismus gerne umgangen werden. Das gilt insbesondere für die Remonstranten. Sie sind als Bewegung im reformierten Protestantismus gerade entstanden aus der Idee, dass der Mensch Handlungsfreiheit hat, die er zum Guten anwenden kann. 1619 wurden die Remonstranten als ein Notverbund von Pfarrern gegründet (Pfarrerinnen gab es damals noch nicht, aber die Remonstranten erlaubten es Frauen bereits 1915 Pfarrerin zu werden), die die menschliche Freiheit vor Gott betonten. Seitdem wuchs unter Remonstranten eine große Empfindlichkeit dafür, wie viel christliche Religion Sünde, Verfehlung, Verstrickung und Schuld gerade als Ausgangspunkt ihres Menschenbildes nimmt. Der Mensch erscheint als ein Vorverurteilter, damit das stellvertretende Leiden Jesu Christi, das Menschen erst freimache, umso unumgänglicher wirkt.

Nun, über die christliche Anthropologie lässt sich mehr sagen als in einem 400-Worte-Blog möglich ist. Auch ein negatives Bild auf den Menschen hat seine Überzeugungskraft, nicht zuletzt, weil wir wissen, wie es in vielen Teilen der Welt um Recht und Frieden gestellt ist. Diesen Blog wollte ich lediglich benutzen, um zurückzublicken auf eine Predigt, die ich am 5. Juli vor Remonstrant*innen in Kelsterbach gehalten habe. Das Thema hatte ich mir von der Ordnung der Evangelischen Kirche vorgeben lassen – und so ging es um drei Verse, mit denen im Alten Testament der Bibel ein kleines Prophetenbuch beendet wird. Für die Liebhaber*innen, es waren die Verse 18 bis 20 des 7. Kapitels des Buches Micha. In diesem kleinen Abschnitt kommt das Wort „Schuld“ gleich zweimal vor und je nach Übersetzung kommen auch die Begriffe „Missetat“ und „Verfehlung“ vor. Gott zaubert sie nicht einfach aus der Welt, heißt es im Text, nein, er zertritt sie und begräbt sie unter dem tiefsten Meeresboden.

Das ist doch Weisheit, habe ich mir gedacht. Schuld entsteht in menschlichen Beziehungen. Darüber können wir uns – glaube ich – einig sein. Wer Gott in seinem Weltbild integriert, müsste auch sagen, dass Schuld vor Gott entsteht. Menschen sind nicht durchgehend zu perfektem Handeln im Stande. Und Schuld, die einmal entstanden ist, war nie nicht da. Das fasst der Text in einem Bild zusammen: Soll Schuld keine Rolle mehr spielen, dann nicht weil Gott ein großer (Weg)Zauberer ist, sondern weil in seinem Lichte, Schuld mühsam ihren berechtigten, kleinen Ort bekommen kann: weit weg, unter dem Meeresboden, zertrümmert und damit ungefährlich, aber immer noch da. Es wird nichts vertuscht, nichts verschwiegen. Schuld verschwindet nicht, aber ihre Wirkung muss nicht auf Dauer zwischen Menschen stehen, zwischen Menschen und Gott stehen.

Man könnte es noch „remonstrantischer“ sagen: Das, was in den drei Versen Gott mit Schuld macht, kann als eine Einladung an Menschen gelten, auch so mit Schuld umzugehen. Schuld sei nicht vertuscht, nein, Schuld sei mit einer aktiven Tat (ein Ritual, aber auch einfach: ein klärendes Gespräch) benannt und sie bekäme mit dieser Tat ihren angemessenen Platz. Auch mit Schuld (vielleicht gilt sogar: gerade mit Schuld) ist ein verantwortungsvoller Umgang geboten, in dem der Mensch in Freiheit tut, was gut ist: Wahrheit und Vergebung anbieten und suchen.

Over Tim van der Griend

Tim van der Griend

Pfarrer in die Evangelische Französisch-reformierte Gemeinde in Frankfurt/M

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